März/April/Mai


Ostern

Liebe Gemeinde, Ostern ist das älteste Fest, das die Christenheit begeht. Wie man heute weiß, suchten Christ*innen schon in den ersten Jahren nach Jesu Tod und Auferstehung den Ort des Ostergeschehens in großer Zahl regelmäßig auf. Um dem Einhalt zu gebieten, ließen die Römer schon bald den gesamten Felsen, in dem sich die Grabeshöhle Jesu befand, abtragen und bauten einen gewaltigen heidnischen Tempel darauf. Das Gedächtnis Jesu wollten sie so auslöschen und ihren eigenen Kult installieren. Doch das misslang. Die Erinnerung an den römischen Tempel ist aus dem Gedächtnis der Menschen verschwunden.

Als das Christentum dann im 4. Jahrhundert im Römischen Imperium Staatsreligion wurde, baute man an selber Stelle eine erste christliche Kirche in byzantinischen Stil, die von ihren Ausmaßen noch größer war, als jene gewaltige Grabeskirche, welche die Kreuzfahrer viele Jahrhunderte später errichteten und die bis heute das Stadtbild Jerusalems prägt. Übrigens spricht man nur im Deutschen von „Grabeskirche“, im Griechischen heißt die Kirche seit jeher „Auferstehung“.

Ich hatte das Glück, die „Auferstehungs-Kirche“ während dreier Reisen nach Israel und Palästina mehrmals besuchen zu können. Obwohl sie normalerweise immer brechend voll ist, egal zu welcher Tageszeit man hineingeht, traf ich sie zweimal ziemlich leer an, denn der eine Besuch war im Januar, wo generell wenig Touristen unterwegs sind, das andere Mal war Jom Kippur, der höchste Jüdische Feiertag, an dem alles öffentliche Leben im Land still zu stehen scheint.

In der Grabeskirche begegnet man den biblischen Erzählungen von Jesu Tod und Christi Auferstehung auf Schritt und Tritt. Zuerst ist da am höchsten Punkt der Kirche der Felsen von Golgatha, auf dem das Kreuz stand. Menschen knien vor ihm nieder und küssen den Stein, in dem das Kreuz Jesu einst festgemacht war. Dann, gleich am Eingang, trifft man auf die Steinplatte, auf der Jesu Leichnam lag. Auch er genießt bei den Pilger*innen besondere Verehrung. Für die kleine Kapelle, in der die letzten Reste des Felsengrabes Jesu zu sehen sind, in dem der Leichnam Jesu für drei Tage ruhte, den heiligsten Ort der Christenheit, muss man meist sehr lange Schlange stehen. Auch darf man nicht sehr lang darin verweilen.

Die Grabeskirche ist riesig und sehr verwinkelt, es geht oft viele Stufen hinauf oder hinab, denn ihr Grund ist ja jener Steinbruch mit der Hinrichtungsstätte und den antiken Gräbern. Bei einer niedrigen Felsenhöhle, in die ich bei meinem letzten Besuch hineingekrochen war, wurde erklärt, dies sei das spätere Grab des Joseph von Arimathäa gewesen und am tiefsten Punkt der Kirche erfuhr man, dass dies der Ort sei, an dem Kaiserin Helena, die Mutter von Kaiser Konstantin, einst während ihrer Pilgerreise ins Heilige Land, das Kreuz Jesu aufgefunden habe.

Wieso ich Ihnen das erzähle? Weil für mich an diesem Ort die Berichte von Jesu Tod und Christi Auferstehung, welche wir in der Bibel finden, im wahrsten Sinne des Wortes lebendig und greifbar werden. Zweitausend Jahre christliche Geschichte, zweitausend Jahre Glaubensleben kristallisieren sich an dieser einen Stelle. Und niemand, so wage ich zu behaupten, verlässt diesen Ort so, wie er ihn betreten hat. Keiner bleibt hier unbeeindruckt.

Als Mensch, der sich sehr für Archäologie, Antike und Geschichte interessiert, habe ich keinen Zweifel daran, dass sich die Dinge, welche die Evangelien von Jesu Passion in Jerusalem erzählen, im Jahr 30 nach Christus auch wirklich so ereignet haben, dass Jesus an ziemlich genau diesem Ort am Kreuz gestorben und ins Grab gelegt worden ist und dass Christ*innen schon sehr bald diesen Ort aufgesucht und verehrt haben.

Hingegen bleibt die Botschaft von der Auferstehung Christi trotz all‘ dieser Befunde reine Glaubenssache. Der älteste Evangeliumstext zur Auferstehung, er stammt vom Evangelisten Markus, berichtet nur vom leeren Grab und dem Erschrecken der Jünger, mehr nicht. Alle weiteren Ostergeschichten, wie die von Maria Magdalena oder die von den Emmausjüngern kommen erst in späteren Jahren dazu.

Es bleibt also an uns persönlich haften, zu entscheiden, was wir von den Ostergeschichten für wahr halten und was dieser Osterglauben für unser Leben austrägt. Was verbinde ich damit, wenn ich im Sonntagsgottesdienst mit den Schwestern und Brüdern im Herrn bekenne: Am dritten Tage auferstanden von den Toten, aufgefahren in den Himmel? Diese Frage muss jede*r für sich selbst beantworten.     

 

Pfarrer Armin Kopper

 




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