07. August 2019

„Die Sonntagsgottesdienste werden mir fehlen“


Britt Goedeking war 20 Jahre lang Pfarrerin in Neunkirchen. Jetzt wechselt sie in die Krankenhausseelsorge in den Marienhaus-Einrichtungen "Hospiz Emmaus St. Wendel", "Marienkrankenhaus St. Wendel" und "St. Josef Kohlhof".

Äußerst engagiert und umtriebig, oftmals weit über das erforderliche Maß hinaus, so hat Britt Goedeking in den vergangenen zwei  Jahrzehnten ihren Pfarrdienst  versehen. Für jedes Problem hatte sie ein offenes Ohr und, viel wichtiger noch, oft wusste sie Rat oder fand eine Lösung.  Nicht nur für die Gemeinde, auch für die Kollegen im Pfarrteam und die Mitarbeiter war die Nachricht von ihrem bevorstehenden Weggang aus der Gemeinde daher zunächst mal eine Überraschung. Nach über 20 Jahren als Gemeindepfarrerin  in der Kirchengemeinde Neunkirchen wird sich Britt Goedeking ab September neuen Aufgaben widmen. Sie wechselt in die Krankenhausseelsorge der  Marienhaus-Einrichtungen Hospiz Emmaus St. Wendel, Marienkrankenhaus St. Wendel und St. Josef Kohlhof..

Und obwohl Goedeking diese Entscheidung aus ganz persönlichen Beweggründen und aus freien Stücken getroffen hat, ist die Situation auch für sie selbst nicht ganz so einfach.  Natürlich freut sie sich schon auf die neuen Aufgaben und ein ganz anders geartetes Arbeitsumfeld, Doch der Abschied von der Gemeindearbeit fällt ihr nicht leicht. Wenn sie auf ihre lange Zeit in Neunkirchen zurückblickt, sich an Gutes und Schweres erinnert, Anekdoten erzählt, dann ist freudige Aufbruchstimmung aber auch eine gehörige Portion Wehmut zu spüren.

Start in einer Industriestadt im Wandel

Im Oktober 1994 war Goedeking mit ihrem damaligen Ehemann Tilman, ebenfalls Pfarrer, nach Neunkirchen gekommen. Damals bot sich nur im Saarland, so wurde es vom Landeskirchenamt den Berufsanfängern beschieden, eine  Einsatzmöglichkeit für das junge Pfarrerehepaar. Also ging es für ihn in den Hilfsdienst nach Sulzbach, für sie in den Hilfsdienst zur Entlastung des damaligen Gemeindepfarrers Udo Blank in die Neunkircher Christuskirchengemeinde. Der schroffe Charme der Industriestadt Neunkirchen schreckte die junge Pfarrerin nicht ab, ganz im Gegenteil: „Meinen Vorbereitungsdienst hatte ich in der Nähe von Wolfsburg absolviert, von daher kannte ich städtische Industriekultur. In Neunkirchen habe ich dann den Strukturwandel der Stadt voll miterlebt. Ich habe erlebt, wie manche Menschen auf der Strecke blieben, weil sie nach der Schließung der Hütte keine Arbeit mehr bekamen. Wenn sie nach Abbrüchen und Umbrüchen mutlos wurden und sich wertlos fühlten. Damals habe ich gedacht: Hier hat Kirche echt ihr Amt. Genau hier gehört Kirche hin, um Menschen zu stärken und ihnen zu vermitteln, dass sie einen Wert haben, den sie auch dann behalten, wenn sie  ihre Arbeit verlieren.“

Auch ganz praktisch hat die evangelische Kirchengemeinde die Menschen damals unterstützt, etwa mit der Gründung der heute noch existierenden Arbeitslosenselbsthilfe, kurz ASH. Von Udo Blank habe sie damals enorm viel gelernt, sagt sie.  Er habe ihren Fähigkeiten vertraut und ihr vermittelt, dass sie eine gute Pfarrerin werden könne. Nach dem Weggang von Blank teilte sich das Ehepaar Goedeking die Neunkircher Pfarrstelle. Man schlug Wurzeln, bekam zwei Kinder und  gewöhnte sich mit der Zeit an das saarländische Idiom.

Schwerer Schicksalsschlag

2001 erlitt Tilman Goedeking im Dienst einen schweren Schlaganfall, der ihn dienstunfähig machte und das Leben der jungen Familie vollkommen veränderte.   Schwere Jahre folgten. „Damals, in dieser schwersten Zeit meines Lebens, bin ich von der Gemeinde getragen worden. Es hat mir unglaublich geholfen, dass das Presbyterium und die Gemeinde so sehr hinter unserer Familie standen, uns Kraft gaben und uns unterstützt haben.  Wir konnten mit allem ehrlich und offen umgehen, was sehr entlastend war“, erinnert sich Goedeking. Geholfen haben dabei zwei Dinge:  Zum einen konnte sie, damals gerade in Elternzeit, eine kleine Stelle im Schuldienst an der Sozialpflegeschule Edith Stein antreten. „Da habe ich gesehen, dass ich wieder arbeiten kann, was mich sehr aufgebaut hat.“ Zum anderen begann sie mit dem Motorradfahren. „Bei den Ausfahrten konnte ich das Leben wieder spüren und fand wieder zu mir selbst“, erinnert sie sich. Damals wurde die Idee zu den Motorradgottesdiensten geboren, die nunmehr seit 15 Jahren in Neunkirchen Tradition haben.  Die MoGos liegen Goedeking so sehr am Herzen, dass sie sie auch nach ihrem Ausscheiden weiterhin in der Gemeinde feiern will.

Nach drei kräftezehrenden Jahren trennte sich das Ehepaar Goedeking, bleibt sich jedoch bis heute freundschaftlich verbunden. Einige Jahre später heiratete  Goedeking ihren zweiten Mann, fand wieder ein privates Glück. Mit der großen Gemeindefusion 2010 wurde ihre Stelle auf 100 Prozent aufgestockt.

Froh und dankbar für die Zeit als Gemeindepfarrerin

 „Ich durfte so viele gute und schöne Erfahrungen machen“, sagt Goedeking rückblickend. Herausfordernd, aber auch sehr bereichernd sei die Arbeit als Vorsitzende des Presbyteriums gewesen, sagt sie. Dass ihre beiden Kinder so inmitten in der Gemeinde aufwachsen konnten und auch noch heute fest in ihr verwurzelt sind, empfindet Goedeking als wahres Geschenk.  Die vielen Gottesdienste und das Schreiben der Predigten dafür waren für Goedeking mit die schönsten und erfüllendsten Aufgaben im Pfarrdienst. In vielen Gruppen und Kreisen der Gemeinde war sie präsent, hat die Notfallseelsorge zusammen mit dem Landkreis Neunkirchen ins Leben gerufen und sich immer in besonderer Weise engagiert  in der diakonischen Arbeit und in der Zuwendung zu den armen und randständigen Menschen in der Stadt.

Ihre Stärke liegt in der Einzelseelsorge

Woher kam dann der Impuls, noch einmal einen anderen Weg einzuschlagen? Seit einem halben Jahr bereits arbeitet sie zwei Tage in der Woche in der Krankenhausseelsorge und die restliche Zeit als Gemeindepfarrerin. Irgendwann war klar, dass nicht auf ewig zweigleisig gefahren werden kann und eine Entscheidung her muss. „Ich finde es total spannend, noch einmal ein völlig neues Arbeiten kennen zu  lernen und mich in neuen Zusammenhängen ausprobieren zu dürfen“, freut sie sich.  Jetzt, da beide Kinder flügge geworden sind, sei  auch genau die richtige Zeit für einen Aufbruch. „ Außerdem ist die Einzelseelsorge einfach genau mein Ding“, sagt Goedeking. „Ich freue mich darauf, im oft harten und anstrengenden Klinikalltag Patienten, Angehörige und auch Mitarbeiter ein Stück auf einem spirituellen Weg begleiten zu dürfen“. Zusammen mit Ihren Kollegen vor Ort werde sie vielleicht auch die Angebote in der Klinikseelsorge ausweiten können, denkbar seien etwa Gesprächskreise für werdende Eltern oder Gedenkgottesdienste für Verstorbene.

Trotz aller Vorfreude auf die neuen Aufgaben ist sich Goedeking auch bewusst, was sie aufgibt. „Sonntags morgens keinen Gottesdienst mehr halten und nicht mehr in der Schule unterrichten dürfen – das wird mir wohl am meisten fehlen!“ seufzt sie.

Aus Kostengründen wird die freiwerdende Pfarrstelle in der Kirchengemeinde Neunkirchen nicht wieder besetzt werden. Nach dem Weggang von Pfarrerin Goedeking werden die bisher vier Gemeindebezirke unter Pfarrer Uwe Schmidt, Bertram Weber und Michael Hilka  aufgeteilt. Von Andrea Reinmann

Pfarrerin Britt Goedeking wird in einem Gottesdienst am Sonntag, 1. September, um 10 Uhr in der Christuskirche in Neunkirchen (Unterer Markt) von der Gemeinde verabschiedet.

 





Zurück